Mehr Schein als Sein

Mehr Schein als SeinIn letzter Zeit begegnen mir viele tolle Menschen. Solche, mit denen ich mich gerne unterhalte, mich austausche oder auch von ihnen lernen kann. Aber leider auch solche, wo augenscheinlich mehr Schein als Sein dahintersteckt.

Es scheint in unserer schnelllebigen Welt erfolgversprechend zu sein, den Menschen etwas vorzugaukeln, sie auf ihre Seite ziehen und dann den Reibach machen zu wollen. Es scheint Manchen aber auch eine Art Sicherheit zu verschaffen, wenn Ihnen Jemand das Denken abnimmt und Sie mit Phrasen beruhigt.

Seit einigen Wochen beginne ich meine neue Webseite vorzubereiten. Nachdem ich im Sommer diese Idee hatte und mir von viele Seiten Informationen geholt habe, entstand das Konzept dazu nach und nach in meinem Kopf. Das Interessante daran ist: Je mehr ich mit auserwählten Personen darüber spreche, desto positiveren Input bekomme ich. Gesprächspartner haben Anregungen, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie sich mit diesem Thema auskennen.

Eine liebe „alte Reiterbekannte“, mit der ich in letzter Zeit wieder mehr zu tun habe, hat mir gleich Jemanden empfohlen, der etwas Ähnliches macht. Sollte ich Fragen haben, kann ich mich dort gerne melden. Das ist doch schön!

Nun geht es langsam an die Umsetzung. Mit dem Webdesigner habe ich mich schon frühzeitig gesprochen und wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Er wird die Seite machen, komme was wolle. Da bin ich mir sicher.

Aber ich suche seit längerer Zeit eine Grafiker, der das Logo und ein Corporate Design erstellt. Im Internet kann man eine ganze Menge Adressen finden, aber da mir meine Seite am Herzen liegt, soll sie richtig gut werden!!

Woher weiß ich, wer wirklich gut ist?

Also verlasse ich mich auf Empfehlungen. Der erste Mensch, der deshalb hier bei mir auf dem Hof war hat die Gründung der Firma einer Bekanntin gut begleitet. Alles, was ich darüber verfolgen konnte, sah von außen betrachtet gut aus.

Aber nun bin ich anscheinend etwas speziell oder habe sehr genaue Vorstellungen. Das dreistündige Gespräch verlief gut. Wir hatten mehrere Punkte, über die wir uns gut austauschen konnten. Dann wurde es für mein Empfinden komisch. Die Fragen und Antworten, die das Gegenüber mir stellte, glitten in Themen ab, die mit meiner Webseite nichts zu tun hatten.

Hhm, ich hatte ja das gute Ergebnis der Bekannten im Hinterkopf. Also soll er mal machen, dachte ich.

Drei Wochen lang passierte nichts. Keine Mail, kein Anruf, keine kurzer Zwischenbericht. GAR NICHTS. Guter Test für meine Ungeduld. Wenn es richtig gut werden soll, muss ich halt Geduld haben.

Dreieinhalb Wochen nach unserem Erstgepräch dann die Meldung, dass es mehrere Leute gibt, die schon so etwas machen, was ich vorhabe. Und das wir uns noch mal über die Marke unterhalten müssen.

Die Marke? Warum? Ich will ein Logo!

Noch mal Zeit investieren? Das ich dann wieder 3,5 Wochen auf kein Ergebnis warte?

Ich hatte ihm einen ganzen Vormittag in der Herbstsonne auf unserem Hof ermöglicht. Meine Zeit ist mir wertvoll, das war genug!

Und dann war da ein Vertrag im Anhang, der wirklich mehr Schein als Sein war.

Schlussendlich habe ich die Zusammenarbeit beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Ich hatte mich vom Schein blenden lassen: wenn Chemie und Arbeitsweise nicht zusammenpassen, sollte man es lassen.

Schade um die vier Wochen Zeit.

Aber ich war wieder eine Erfahrung reicher.

Ich kann mich auf meinen ersten Eindruck verlassen.

 

Also wieder von Neuem suchen. Wo anfangen? Das Netz ist voll von Adressen, da kann man von 99€ für ein Logo bis 1000€ alles finden. Ich stellte Fragen bei Facebook und Xing und fand nur Wenige, wo ich beim Lesen dachte, das könnte passen.

Ich entschied´ mich dann für Jemanden, der seine „Grafikagentur“ in der Nähe der Physiotherapiepraxis hat, in der ich zweimal die Woche arbeite. Ist eine gute Idee, weil man dann schnell vorbeigehen kann, wenn etwas zu klären oder vorbeizubringen ist. Dachte ich…

Aber mehr Schein als Sein nimmt hier eine für mich neue Dimension an. Auf der Webseite sieht es so aus, als handelt es sich um eine Grafikagentur mit einem festen Team. Das dort abgebildete, hochglanzpolierte Studio sah aus wie aus dem Katalog. Und ich fragte mich die ganze Zeit, wo das denn sein sollte. Denn die angegebene Straße und die Gegend kenne ich von Hausbesuchen her ganz gut.

Zuerst bin ich an der angegebenen Adresse vorbei gelaufen. Denn es war ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus, wo so ein Studio nicht unterzubringen wäre.

Der CEO des Unternehmens arbeitet im halben Zimmer seiner Privatwohnung.

Ist mir im Prinzip völlig egal, wer wo arbeitet, wenn ich eine Dienstleistung buche. Aber ich habe mich auch auf Grund des äußeren Eindruckes für diese Adresse entschieden.

Als ich verdutzt sagte, dass es auf der Webseite ein bisschen anders aussieht, bekomme ich die Antwort: „Alles Marketing“. Die Leute würden seltener kommen und fragen, ob er eine Visitenkarte für 20€ gestalten kann, seitdem er die Seite so gebaut hat. Aha.

Im Kopf gehen mit zwar eine ganze Menge Antworten herum, aber ich bleibe brav beim Thema. Man kann aus JEDEM Gespräch etwas lernen.

Ich lerne, dass man aufpassen muss, wenn man fremde Fotos auf der Webseite nimmt, dass man unter Umständen den Fotografen ins Impressum mit aufnehmen muss.

Ungläubig und immer noch unangenehm überrascht verlasse ich nach 45 Minuten die Wohnung. Wir hatten uns nicht so viel zu erzählen: mein vorbereitetes Dokument schien selbsterklärend zu sein.

Ich musste mich wirklich erst von dieser Überraschung erholen und kann heute sagen: Mehr Schein als sein in einer für mich noch nicht erfahrenen Dimension. Als ich mir abends die Webseite noch einmal anschaut, nachdem ich Jens von diesem Ausflug erzählt habe, fallen mir die selbst formulierten Rezensionen auf

Alles in allem, kein besonders überzeugendes Bild.

 

Einen Trumpf habe ich noch: Dieser Wunschkandidat baut aber gerade sein Haus um und ich kann nicht abschätzen, ob und wie lange er dazu brauchen wird.

Ob er in den nächsten Wochen anfangen kann, dass die Seite wie geplant im Januar an den Start gehen kann?

Er muss ja das Konzept fertig haben, ehe der Webdesigner das umsetzen kann.

Aber ich habe heute beschlossen, geduldig zu sein.

Meine neue Seite http://www.ReitClever.de wird eine Herzensangelegenheit.

Und sie soll gut werden.

Da kommt es auf ein paar Wochen nicht an.

Denn für mich stehen Vertrauen und Ehrlichkeit an erster Stelle. Im Privaten, mit den Pferden wie im Geschäftsleben. Wenn die Chemie nicht stimmt, ist das für mich keine Grundlage.

Da kann die Darstellung noch so hochglanzpoliert sein. Wenn grobe Unstimmigkeiten das Bild stören ist die Basis für mich zerstört.

 

Zum Glück gibt es Leute, die durch Auftreten und Leistung überzeugen.

Denen es egal ist ob mehr Schein als Sein blendet.

Und mit diesen Menschen möchte ich arbeiten.

Solche Menschen möchte ich auch überzeugen.

Also wird sich meine Geduld auszahlen.

 

In diesem Sinne, eine geduldige und schöne Weihnachtszeit. Bis zum nächsten Jahr!